Berlin, 22. Mai 2026 – Im Rahmen eines parlamentarischen Frühstücks, zu dem der Bundestagsabgeordnete Prof. Reza Asghari einlud, sprachen heute die Vorsitzende der Iran-Delegation des Europäischen Parlaments, Dr. Hannah Neumann sowie die Sachverständigen Mariam Claren (Hawar.help), Nasim Sharafi, Menschenrechtsreferentin der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland und die betroffene Bahá’í Yeganeh Agahi über die zunehmende Verfolgung der Bahá’í im Iran und die Lage in den politischen Gefängnissen.
Zunächst begrüßte Prof. Asghari mit einer persönlichen Einordnung aus seiner eigenen Vergangenheit: „Nach der Revolution musste ich schreckliche Dinge erleben, in der politischen Haft. Auch viele Bahá’í waren im Gefängnis und wurden besonders schlecht behandelt. Es gibt keinen Rechtsstaat, keinen Anspruch auf einen Rechtsanwalt. Bahá’í wurden nochmal schlimmer behandelt, weil man der Ansicht war, dass sie unrein sind und die politischen Häftlinge, die sich mit Bahá’í unterhielten, wurden bestraft. Man musste mit ihnen nicht gemeinsam essen und trinken und die Revolutionsgarden haben sehr strikt darauf geachtet, dass wir die Bahá’í nicht berühren. Wenn wir ihnen die Hand gereicht hatten, dann galten wir auch als unrein. (…) Schon vor der Revolution haben die Mullahs extra eine Organisation namens Hojjatieh gegründet, die nichts anderes getan hat, als in allen Städten Propaganda gegen Bahá’í zu machen. Und genau diese Mitglieder der Hojjatteh kamen an die Macht. Also das Schicksal der Bahá’í ist verknüpft mit dem Schicksal der Islamischen Republik. Ich wünsche mir, dass diese Tyrannei dieses Terrorregimes irgendwann ein Ende findet und die Menschen in Freiheit im Iran leben können und jeder seine Religion ausüben darf. Was in Europa eine Selbstverständlichkeit ist, davon träumen die Menschen im Iran.“

Nasim Sharafi schloss an diese Schilderung an und schilderte die besorgniserregenden Fälle von Peyvand Naimi und Borna Naimi: „Die Bahá’í-Gemeinde gehört oft zu den Ersten, die durch falsche Anschuldigungen diffamiert, als Sündenböcke dargestellt und durch koordinierte Desinformations- und Hasskampagnen ins Visier genommen werden – ein wiederkehrendes Muster, das wir derzeit erneut beobachten. Derzeit erleben wir eine tägliche Verschärfung der Lage: Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen auf Grundlage von Artikel 49. Seit Januar wurden mehr als 80 Bahá’í verhaftet. Doch hinter diesen Zahlen stehen Menschen – Menschen mit Familien, mit Berufen, mit Hoffnungen.Die Bahá’í, die derzeit in Haft sind, leiden unter medizinischen Notfällen infolge langer Einzelhaft, verweigerter medizinischer Versorgung und extremem psychischem Stress. Sie werden ohne Zugang zu ihren Familien, Rechtsbeistand oder rechtsstaatliche Verfahren festgehalten. Zwei der schwerwiegendsten Fälle betreffen zwei junge Männer, Peyvand Naimi und seinen Cousin Borna Naimi. Peyvand wurde am 8. Januar unter falschen Vorwürfen der Anstiftung zu Unruhen festgenommen und zunächst in einer Einrichtung der Revolutionsgarden festgehalten, bevor er in ein Gefängnis verlegt wurde. Dort wurde er mindestens zehn Tage lang gefoltert: Er war 48 Stunden lang an Händen und Füßen gefesselt, ihm wurden Nahrung und Wasser verweigert und er musste zwei Scheinhinrichtungen ertragen. Bis heute befindet er sich ohne rechtsstaatliches Verfahren im Gefängnis von Kerman. Sein Cousin Borna, Vater einer dreijährigen Tochter, wurde am 1. März festgenommen. Während der Verhöre wurde er Elektroschocks ausgesetzt, die schwere Verbrennungen an Beinen und Füßen verursachten. Auch er musste zwei Scheinhinrichtungen ertragen. Ihm wurde damit gedroht, dass seine Tochter in ein Heim gesteckt würde, wenn er kein Geständnis ablegt.“
Yeganeh Agahi, die wegen ihres Bahá’í-Glaubens mehrfach im Iran in Haft saß, ging ebenfalls auf diese Fälle ein: „In den letzten vier Monaten wurden viele Bahá’í im Iran verhaftet. Mehr als 17 von ihnen kenne ich persönlich. Die Islamische Republik versucht systematisch, Bahá’í von allen Seiten unter Druck zu setzen: wirtschaftlich, kulturell, im Bildungsbereich, im Arbeitsleben, und sogar im privaten Leben. Acht von den Frauen, mit denen ich verhaftet wurde, sind am 27. Dezember 2025 ins Gefängnis Dolatabad gegangen, um ihre Strafe anzutreten. Während des Krieges bekamen sie keinen Hafturlaub und keine vorübergehende Freilassung. Ihnen wurde gesagt: ‚Bahá’í sind keine Bürger.‘ Vor drei Wochen wurde meine beste und engste Freundin, Boshra Mostafavi, ins Gefängnis in Kerman gebracht. Sie ist im fünften Monat schwanger. Sie muss ihre Strafe antreten. Der Richter sagte zu ihr: ‚In einem islamischen Land musst du den Preis dafür zahlen, Bahá’í zu sein.‘ Viele von Ihnen kennen die Geschichte von Borna und Peyvand. Boshra ist die Cousine von Borna und Peyvand. Man kann sich kaum vorstellen, unter welchem Druck diese Familie in den letzten Monaten war.“
Mit Blick auf die aktuelle Lage in den politischen Gefängnissen fügte sie hinzu: „Im Vergleich zu meinen früheren Verhaftungen war es das letzte Mal viel brutaler, viel härter, und viel beängstigender. Und trotzdem frage ich mich: Wenn es für uns schon so war, welche Gewalt erleben dann die Menschen, die in den letzten vier Monaten verhaftet wurden?“
Dr. Neumann, die von Yeganehs Schilderung sichtlich berührt war, schilderte die aktuellen Entwicklungen in den politischen Haftanstalten wie folgt: „Ich habe mit einigen Menschen gesprochen, die in den letzten Monaten im Iran inhaftiert waren und die berichten, dass die Folter nochmal massiv zugenommen hat. (…) Es gibt in den Gefängnissen kaum etwas zu essen, medizinische Versorgung wird verweigert. Die nutzen das ja bewusst, um alle anderen einzuschüchtern.“
Erst vor wenigen Tagen las Dr. Neumann gemeinsam mit weiteren prominenten Frauen aus einem Brief, den die mit Yeganeh Agahi gemeinsam zu zehn Jahren Haft verurteilte 21 Jährige Bahá’í Yeganeh Rouhbakhsh mit ‚An meiner Stelle‘ betitelte:
Mariam Claren pflichtete ihr in vielen Punkten bei und ging auf den von Yeganeh geschilderten Fall einer prominenten Bahá’í ein: „Mahvash Sabet war mit meiner Mutter gemeinsam inhaftiert, sie haben in einem Raum zusammen gelebt. (…) Mahvash war im Juni 2022 erneut festgenommen worden, nachdem sie bereits 10 Jahre im Gefängnis verbracht hatte, weil sie Bahá’í ist und als sie vom Isolationstrakt in den Frauentrakt des Evins gebracht worden ist, wo meine Mutter war, waren ihre Knie zerschmettert. Sie hatten sie – eine über 70-Jährige Frau – so oft gegen die Wand gehauen, dass sie mit zerschmetterten Knien in den Trakt gekommen ist. (…) Das ist nur ein Beispiel von 47 Jahren Unterdrückung einer gesamten Nation, aber vor allem von Minderheiten.“
Sie resümierte die vergangenen Monate im Iran folgendermaßen: „Ich glaube, ich brauche hier nicht zu erklären, dass es nichts mit Rechtsstaat zu tun hat, dass es Scheinprozesse sind, dass es erzwungene Geständnisse sind, die auch übrigens insbesondere die Bahá’í-Gemeinde betreffen, die im Staatsfernsehen ausgestrahlt werden. (…) Wir sehen eine neue Eskalation gegenüber der religiösen Minderheit der Bahá’í.“

Der Beauftragte der Bundesregierung für weltweite Religions- und Weltanschauungsfreiheit, der kürzlich eine politische Patenschaft für Peyvand und Borna Naimi übernommen hatte, war leider verhindert, aber ließ durch seinen persönlichen Referenten übermitteln: „Grundsätzlich sind wir bemüht, mit den Instrumentarien, die wir als Religionsfreiheitsbeauftragter haben, auf die Situation zumindest zu schauen und das was wir tun können, auch zu tun. Die Stellen, die noch halbwegs adressierbar sind, in dieser Angelegenheit, auch mit diesen Themen zu adressieren.“
Es herrschte eine große Einigkeit darüber, die Sehnsucht des iranischen Volkes nach Gerechtigkeit und Freiheit zu unterstützen und besonders erheblich verfolgten Menschen in Deutschland Schutz zu gewähren.
Die Bahá’í-Gemeinde in Deutschland dankt Hawar.Help für die erneute Kooperation, Prof. Asghari für die Einladung in den Deutschen Bundestag, Dr. Neumann und Yeganeh Agahi für ihre einsichtsreichen Schilderungen sowie allen interessierten Zuhörern für ihre vertiefenden Nachfragen.
